BIM im

Vermessungswesen

BIM im Vermessungs-wesen

BIM im Vermessungs-wesen

Der nachfolgende Beitrag behandelt die praktischen Erfahrungen bei der Anwendung der theoretischen Grundlagen des Building Information Modeling (BIM) im Vermessungswesen.
Auszüge aus Vorträgen an der ZT-Akademie von DI Gregor Schiller.

1. BIM-Grundlagen

  • BIM ist eine Planungsmethodik mit einer zentralen Informationsquelle (Single Source of Truth).
  • BIM ermöglicht die Zusammenarbeit aller Fachleute eines Bauprojekts auf Basis eines gemeinsamen Datensatzes.
  • BIM Planungsgrundlagen basieren (meist) auf intelligenten digitalen 3D-Modellen mit objektorientierter Geometrie, zusätzlichen Datenbank-Informationen (Objekteigenschaften, Materialien, Aufbau jenseits von Oberflächen, Lebensdauer, etc.) und teilweiser Standardisierung.

2. Kommunikation als essenzielle Grundlage

  • In der Theorie erfolgt diese über das zentrale BIM Management via BCF.
  • Die Basis bildet dabei ein digitales Modell mit definierten Standards (Planung, Neubau) in einem lokalen, projektbezogenen Koordinatensystem.
  • In der Praxis ergeben sich für den Vermesser Fragestellungen, weil die Theorie keine passenden Definitionen bietet.
    • Standards sind oft nur teilweise erfüllbar, weil nur die sichtbare Information im Bestand zur Verfügung steht (zerstörungsfreie Erfassung).
    • Vermesser agieren oft außerhalb des definierten BIM Kommunikationsflusses.
    • Die Daten liegen im Landeskoordinatensystem vor und die Interaktion mit nicht in den BIM Prozess involvierten Stellen erschwert die Kommunikation.
  • Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg beim ScantoBIM, weil BIM Standarddefinitionen meist aus dem Neubau kommen und eine Übertragung auf die Bestandsmodellierung nur eingeschränkt möglich ist (LOI-N).

3. Gängige Dienstleistungen des Vermessers im BIM-Prozess nach unseren Erfahrungen

  • Klassische Planungsgrundlagen für Neubau (Kataster, Gelände, Nachbarschaft)
    • Kaum Unterschied zur klassischen Vermessung
    • Eventuell erfolgen zusätzliche Auswertungen wie 3D Geländemodell, Ansichten, etc.
    • Definition des Projektbezugspunkts als Verknüpfung zwischen Projektkoordinaten und Landeskoordinaten.
  • Geometriegrundlagen für Bauen im Bestand (zusätzlich wird die Bestandsbauwerksgeometrie geliefert)
    • Klassische Objektpläne
    • Lieferung von Massendaten wie Punktwolken und Fotodokumentation
  • Modellgrundlagen für Bestandsmodelle im BIM (zusätzlich erfolgt eine objektorientierte Modellierung des Bestands)
    • Abstimmung des Modellierungsgrades angelehnt an die LOD-Standarddefinitionen erforderlich
    • Projektspezifische Abstimmung nach Anforderung der BIM-Koordination
    • Individuelle Problemlösungen wie Darstellung der Einbauten oder Annotations
  • Oft ist eine Kombination aus BIM Methoden und klassischer Planungsgrundlage gefragt.

4. Anwendungsfälle

  • BIM Anwendungsfälle (engl.: Use Cases) bezeichnen den jeweiligen Zweck, für den Daten und Informationen in bzw. mit einem digitalen Bauwerksmodell erstellt und/oder verwendet werden.
  • Ein Anwendungsfall definiert das Zusammenwirken der Beteiligten inklusive wer welche Informationen zu welchem Zeitpunkt zur Verfügung zu stellen hat.
  • Durch die Formulierung bzw. vertragliche Vereinbarung solcher Anwendungsfälle lassen sich Aufgabengebiete, bei denen BIM in einem Unternehmen oder Projekt eingesetzt werden soll, leichter abgrenzen und aufwandsmäßig beurteilen.
  • Beispielhafte Auflistung für Awf, wo Vermessung regelmäßig relevant ist gemäß OIAV – andere Organisationen definieren die Awf nach ihrem Bedarf:
    • Awf 01 Bestandsdatenerfassung
    • Awf 07 Visualisierung
    • Awf 08 Mengenermittlung
    • Awf 12 Behördenverfahren
    • Awf 20 Baufortschrittskontrolle
    • Awf 22 Bestandsdokumentation für behördliche Nachweisführung
    • Awf 23 As Built Modell…

5. Paradigmenwechsel in der Vermessungstechnik

  • Datenerfassung klassisch
    • Aufnahme von Einzelpunkten
    • Generalisierung bei der Aufnahme
    • Auswahl einzelner objektdefinierender Punkte mit definierter Genauigkeit
    • Geeignet für klassische Planerstellung mit symbolhafter Informationsübertragung.
    • Die Gesamtinformation entsteht durch die Erfahrungswelt des Betrachters.
  • Datenerfassung modern
    • Aufnahme von Massendaten
    • Generalisierung bei der Modellierung (Genauigkeitsbegriff problematisch)
    • Geeignet für 3D Modellierungen mit steigendem Detaillierungsgrad.
    • Die Gesamtinformation besteht aus dem geometrischen Modell mit der verbundenen Objektinformation.
    • Was nicht da ist, kann auch nicht interpretiert werden – Lücken in der Aufnahme sind im Modell nicht erkennbar – man sieht nicht mehr, was tatsächlich gemessen und was interpoliert wurde.
  • Modellcharakteristika
    • Darstellungsdefinition – Einzelpunktgenauigkeit, Liniendarstellung, Objektmodelle
    • Darstellung der Aufnahmequalität (Plan vs. 3D Modell) – unterschiedliche Datenquellen, Datenlücken
    • Informationsdefizite (z.B. fehlende 3D Information, Qualitätsparameter in den P-sets)
    • Informationsverlust 2D mit Symbolinterpretation vs. 3D ohne Interpretationsmöglichkeiten

6. Das Modell

  • Datenauswertungen
    • Das Ergebnis einer Vermessung ist immer ein Modell der Realität.
    • Für BIM Projekte ist dies im Allgemeinen ein 3D Modell.
    • Für den Vermesser gibt es eine Vielzahl an Modellierungsmöglichkeiten.
    • Nicht alle sind für BIM Projekte geeignet!
  • Wichtige Aspekte für die BIM taugliche 3D Modellierung
    • Objektorientierung vs. triangulierte Oberflächen
    • Informationsgehalt
    • Bedeutung der 3D Information
    • Genauigkeitsangabe

3D Modell ≠ 3D BIM Modell

© Bundeskammer der Ziviltechniker:innen

7.  Modelldefinition

    • Level of Details (LOD)

Für den Vermesser beide Definitionen nur unvollständig erfüllbar.

Erfassung nur der sichtbaren Oberfläche und Modellierung als einen Körper (zerstörungsfreie Erfassung)

LOD Standards

© Build Informed GmbH

LOD Vermessungspraxis

© Vermessung Schmid ZT-GmbH

8.  Erfahrungen aus der Praxis

  • unterschiedliche Informationsquellen
  • unterschiedliche Methoden der Datenerfassung
  • unterschiedliche Genauigkeitsgrade
  • verschiedene Arten erstellter Modelle
  • Modelle oder doch nur 3D-Oberflächen?
  • (noch) keine passenden Standards…

Wie soll Alles zusammengeführt werden?

Theoretisch:

IFC-Schnittstelle sollte alles kombinieren – deren Merkmalserver alles kompatibel machen.

Praktisch:

erfordert derzeit noch viel Erfahrung und individuelle Lösungen abgestimmt mit den weiteren BIM-Teilnehmern.

© Vermessung Schmid ZT-GmbH

© Vermessung Schmid ZT-GmbH

Before imageAfter image

© Vermessung Schmid ZT-GmbH

© Vermessung Schmid ZT-GmbH

9.  Fazit

Die wachsende Bedeutung von BIM im Vermessungswesen, insbesondere bei der Bestandsmodellierung und im Genehmigungsprozess erfordert ein optimales Zusammenspiel neuer Mess- und Kommunikationsmethoden. Die Herausforderungen und Chancen, die sich durch die Integration von BIM in die Vermessungstechnik ergeben, heben die Bedeutung von Geoinformation für die detaillierte Abstimmung im gesamten Bauprozess hervor.

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